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Textproben
1.
Vernissage „art - imaginär“, Mussbach, Herrenhof, 16.9.2007
Laudatio: Maria Lucia Weigel
…In unterschiedlichen Epochen der europäischen Kunstgeschichte gehörten die phantastischen Ansätze in der Kunst zu den heute noch bewundernd geschätzten prominenten Charakteristiken des Kunstschaffens, so etwa im Manierismus des 16. Jahrhunderts, der in der Nachfolge der sich auf die Antike berufenden Renaissance in Italien seinen Ursprung nahm, und in den Niederlanden, die in dieser Zeit stark von der italienischen Kunst beeinflußt waren. Aber bereits zuvor, im Mittelalter, hatte das Phantastische seinen Platz im sichtbaren Kosmos, sichtbar gemacht durch die künstlerischen Gestaltungen von Kapitellen und Portalen. Hier waren es die Bewohner der Hölle, aber auch die sagenhaften Wesen vom Rande der Welt, die in phantastischer Weise ausgestaltet wurden. Häufig fanden bereits hier antike Formulierungen eine Umsetzung, die auch auf Missverständnissen der nun fremd gewordenen Überlieferung antiker Bildfindungen beruhen konnte. Aus dem Spätmittelalter stehen uns allen die Wesen des Hieronymus Bosch vor Augen, die nun nicht mehr nur die Unterwelt und die Hölle bevölkern, sondern in unsere alltägliche Umgebung ausgewandert zu sein scheinen. Nach dem Manierismus, im Zeitalter des Barock, sind uns allen die Szenarien der Malerfamilie Brueghel im Gedächtnis; auch hier mischen sich explizit phantastisch gestaltete Wesen mit anderen Ebenen des Gestalterischen, Bildkonzeptionen in Überschaulandschaften, in kleinteiligem Gewimmel oder in übersteigerten Proportionen von Landschaft und Architektur, in ein irisierendes, unbestimmtes Bildlicht getaucht. Diese Strategien bildlicher Gestaltung werden in den folgenden Jahrhunderten, in denen vor allem nach großen Kriegen das Element des Apokalyptischen als Thema, aber auch als Gestaltungsstrategie hinzutritt, zum festen Bestandteil des Vokabulars phantastischer Kunst.
All dies entspringt, anders als es die Bezeichnung vermuten ließe, nicht ausschließlich der Phantasie einzelner Künstlerpersönlichkeiten. Die Phantastik erschließt sich in ihrer Bedeutung erst, wenn wir ihren Zusammenhang mit der psychischen Disposition des Menschen würdigen. Ängste, Wunschvorstellungen, Imagination und Visionen haben hier ihre Heimat, gespeist vom Erleben des Alltags und kaum zu bewältigender Ausnahmesituationen wie Tod und Krieg, aber auch Eros. In dieser Hinsicht erlangt das Phantastische einen Status als Bewältigungsstrategie innerhalb des Lebensvollzuges eines jeden Einzelnen.
2.
Erkundungen auf fremdem Terrain - Zu den freien Arbeiten von Susan Osgood, in: in: Eberhard Dziobek, Michael Höveler-Müller, Christian E. Loeben (Hrsg.), Das geheimnisvolle Grab 63. Die neueste Entdeckung im Tal der Könige. Archäologie und Kunst von Susan Osgood, Ausstellungskatalog Bonn, Hannover, Rahden/Westf. 2009
Text: Maria Lucia Weigel
Seit vielen Jahren werden Gestimmtheit und bildliches Vokabular der freien künstlerischen Arbeiten von Susan Osgood durch die regelmäßigen, stets mehrmonatigen Aufenthalte in Ägypten beeinflußt. Bereits die Skizzenbücher zeugen von der Annäherung an eine fremde Kultur, von einem Eintauchen in Atmosphäre und Geschichten, in Gerüche und Geräusche, in Farben und Formen. Susan Osgood erkundet die Welt, die ihr begegnet, indem sie sich auf künstlerischer Ebene mit der Vielfalt der Sensationen auseinandersetzt. Auch ihre freien Arbeiten, deren Wurzeln offenkundig im Abstrakten Expressionismus liegen, sind von dieser Haltung geprägt. Die Auseinandersetzung mit Farbe gleicht einem Übertritt in andere, innere Dimensionen, die im Malen ausgelotet werden; die Empfindungen, die sich im Umgang mit dem Material einstellen, weisen der Bildwerdung jenseits einer rationalen Steuerung des Geschehens den Weg. Die Malerin begibt sich auf Erkundungsreise in bildliche Wirklichkeiten, die stets auch Spiegel des eigenen Erlebens sind. Äußere Eindrücke fließen in den Prozeß ein, verschmelzen mit dem gestalterischen Potential, welches das Material selbst bietet und verbinden sich auf assoziative Weise mit den Bildschöpfungen. In den über Jahrzehnte hinweg entstandenen Werkgruppen treten diese Konstanten in unterschiedlicher Gewichtung zutage.
…In frühen Arbeiten aus den 70er und 80er Jahren wird der künstlerische Ansatz, im Gegensatz zum jüngeren Werk, von Abbidlhaftigkeit beherrscht, in der sich das Verhältnis von Erlebtem und bildlicher Wirklichkeit ausdrückt. Archäologische Sujets, wie Mumienfunde oder das Innere von Grabbauten, werden auf ihren Gehalt an formalen Strukturen in Beziehung zu virtuellem Bildraum untersucht, der aus Lichthaltigkeit und Konstellation der verwendeten Farben erzeugt wird. Diese Tendenz wird in der Folge zum dominierenden Blickwinkel, unter dem äußere Phänomene im Bild Gestalt gewinnen. So ist der Übergang zu abstrakten Bildinhalten eher gradueller als grundsätzlicher Natur.
3.
Mythen - Zum Werk von Lambert Maria Wintersberger, in: Lambert Maria Wintersberger. Mythen, Ausstellungskatalog Slg. Würth Arlesheim, Künzelsau 2011
Text: Maria Lucia Weigel
…Lambert Maria Wintersberger ist ein Farbmaler. Lichthaltigkeit und Intensität der Buntfarben, die im Werk des Malers zum Einsatz gelangen, stehen am Beginn kompositorischer Überlegungen. In den Bildschöpfungen entfaltet sich auf dieser Grundlage ein Kosmos höchst individueller thematischer Assoziationen, die in der Figuration beheimatet sind. Zugleich ruft eine wirkmächtige Bildsprache die Ebene kollektiv geteilter Erinnerungsformen auf. Gemeint ist die Beschäftigung mit dem Mythos als Form der Mitteilung, der Überlieferung von Menschheitserfahrung. Mythos ist ein Schlüsselbegriff, über den sich eine zentrale Deutungsebene des Werkes von Lambert Maria Wintersberger erschließt. Liegt es in der Natur des Menschen, individuelle Ereignisse und Erkenntnisse in mythischen Erzählungen zu verdichten und in dieser Gestalt zu tradieren, so zeigt sich hierin auch ein Ansatz zur Weltdeutung, der seine Aktualität angesichts der technologischen Ausrichtung heutiger Zivilisationen nicht eingebüßt hat. Nicht nur fern der Zivilisation, in entlegenen Gegenden der Erde, sind Mythen lebendiger Bestandteil gesellschaftlicher Identitätsfindung, auch in der modernen westlichen Welt verdichten sich Leitvorstellungen im Mythos. Die althergebrachte Methode der Vermittlung von Weltverständnis und Lebenssinn, die dem Individuum eine Verortung im gesellschaftlichen Kontext erlaubt, erweist sich noch immer als geeignet, um den eigenen Lebensentwurf in überindividuelle gemeinschaftliche Vorstellungen einzubetten. Der Auftritt von Filmstars, in dem sich die mythische Überhöhung ihrer Person in besonderer Weise niederschlägt, legt davon ebenso Zeugnis ab wie die Fiktion des amerikanischen Traums von der unbegrenzten Freiheit.
Lambert Maria Wintersberger greift in seinem Werk die Bildsprache allgegenwärtiger Mythen auf. Er versteht sich jedoch nicht als unbeteiligter Chronist einer Vielzahl sich fortschreibender mythischer Erzählungen. Vielmehr verwandelt er sich das Ausdruckspotential dieser Art der Weltdeutung an, macht es nutzbar für die eigene bildliche Aussage. Das Staunen über die Wirkmacht solcher Erzählungen hat hier ebenso einen Platz wie das kritische Hinterfragen gesellschaftlicher Zustände mit Hilfe der bildlichen Gestaltwerdung mythisch verdichteter Kräfte. Mit einem sensiblen Gespür für das Spannungsfeld zwischen Einzelperson und Kollektiv, in das sich der Künstler stellvertretend für jedes Individuum hineingeworfen sieht, kommentiert und reagiert er auf diese Lebenswirklichkeit. Am Beginn der künstlerischen Auseinandersetzung steht die Eindringlichkeit des optischen Eindrucks, des emotionalen Erlebens einer Situation. Sie wird zur inneren Verpflichtung. |